Die Bewerbung an das Dhamma Medini Center habe ich kurz nach unserem Aufenthalt im Yoga Retreat abgesendet ✉️ Dort haben mir die Meditationen sehr gutgetan und irgendwie stand es schon lange auf meiner Bucket List einmal ins Vipassana zu gehen. Ich bekam die Zusage erst 24 Stunden vorher Beginn ⏰ Alles klar, dann an die Vorbereitungen: Ich brauche schlichte und weite Kleidung für 10 Tage. Also schnell in den nächsten Second-Hand-Laden 🛍 Ich muss meinem Chef erklären, dass ich spontan Urlaub im Urlaub brauche 😬 und will noch mal Sport machen, bevor ich 10 Tage nicht darf 🏃🏼‍♀️

 

Am Tag der Ankunft – einen Tag bevor das eigentliche Vipassana beginnt – werden mir zunächst alle elektronischen und „unwichtigen“ Dinge abgenommen, die mich von mir ablenken könnten und ich bekomme mein Zimmer zugewiesen 📲 Wir versammeln uns im Essensraum und es wird noch mal richtig laut. Männer und Frauen verbringen das Vipassana getrennt und so sind wir auch schon am Anfang in getrennten Räumen. Es scheint als wollte man noch mal schnell so viel und so laut wie möglich mit vielen Menschen reden, bevor es still wird 📣 Es gibt noch eine warme Mahlzeit am Abend und eine offizielle Ansprache an alle Teilnehmer. Hierbei wird peinlichst genau auf die Aussprache der Namen geachtet. Dies ist ein Zeichen von Respekt 🙌🏻

 

Bei der Vorstellung und Einweisung in die nächsten 10 Tage wird diverse Male auf den Code of Discipline hingewesen, wonach ich in den nächsten 10 Tagen die 5 moralischen Grundvoraussetzungen einhalten muss: nicht lügen, nicht stehlen, nicht töten, keine körperlichen Kontakte, keine Drogen 🤝 Für die alten Schüler – die die schon mal ein Vipassana von 10 Tagen absolviert haben – kamen zusätzlich die Gebote hinzu, auf ein komfortables Bett zu verzichten, nach 12 Uhr Mittags nichts mehr zu essen und keinerlei Kunst am Körper zu tragen. Alle mussten sich verpflichten, die gesamte Zeit zu bleiben, da ein frühzeitiger Abbruch psychische Konsequenzen mit sich tragen kann 😳 Kurz nach der Ansprache beginnt die sogenannte noble silence – edle Stille 🤫

 

Es geht zunächst für eine Meditation mit einleitenden Worten von Satya Narayan Goenka in die sogenannte Meditationshalle 🛕 Männer und Frauen kommen hier zu verschiedenen Türen herein und sitzen weitgehend getrennt voneinander. S.N. Goenka ist der Gründer des Centers, wovon weltweit weitere 206 existieren, so auch in Deutschland (https://www.dhamma.org/de/about/vipassana). Goenka stammt aus Burma und war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er litt jahrelang an starker Migräne, die so stark war, dass er Morphium bekam und die Ärzte ihm nicht weiterhelfen konnten 🙇 Eine Freundin empfahl ihm dann Meditation, genauer gesagt die Vipassana-Technik. Seitdem war er von seiner Migräne geheilt und widmete seinem Leben dem Vipassana bis er erleuchtet wurde. Nach vierzehnjähriger Praxis machte er sich 1969 zur Mission, so vielen Menschen wie möglich zu helfen und Vipassana zu lehren 🧎🏽‍♂️Innerhalb von 45 Jahren half er Menschen weltweit 🌏

 

Alle Teilnehmer leben nach der ersten Meditation nach dem strickten Stundenplan des Centers: Der Tag startet um 4:00 Uhr morgens mit einem Gong direkt vor der Zimmertür 🔔 und einer Meditation ab 4:30 Uhr und endet mit einer Meditation 21:30 Uhr. Im Laufe des Tages gibt es viele Meditationen (10Std./Tag), unterbrochen von kurzen Pausen für Frühstück und Mittag und einem Diskurs mit dem Lehrer 🧘🏼‍♀️

 

Zunächst ist die extreme Menge an täglicher Mediationspraxis überwältigend. Jeder beginnt am ersten Abend mit zwei Kissen auf dem namentlich zugewiesenen Platz. Allerdings stocken viele Teilnehmer ihren Kissenstapel bereits auf. Ich, mit meinen 7 Kissen, bin damit keine Seltenheit 🧎🏼‍♀️ Die physischen Schmerzen im Rücken und in den Knien beim Sitzen halten viele nicht aus und bekommen eine Lehne, einen Hocker oder einen Stuhl🪑

 

Die in der Meditationshalle zugewiesenen Plätze gibt es auch beim Essen 🍽 Wir wurden darum gebeten nur an unserem Platz zu essen. Daran hält sich jedoch keiner und huscht mit dem Teller an einen möglichst schönen, sonnigen Ort ☀️ Ich konnte es keinem verdenken, denn die Mahlzeiten waren irgendwie das Highlight des Tages. Das Essen ist vegetarisch und optional vegan. Meine vegane und glutenfreie Extrawurst war somit kein Problem 😋

 

Die Unterkünfte sind spartanisch eingerichtet, aber sehr sauber und vollkommen ausreichend 🛏 Ich habe genug Platz, um mich täglich im Zimmer zu dehnen und die Verspannungen etwas zu lösen. Yoga und sonstige körperlich anstrengende Bewegungen sind schließlich untersagt 😐 Das Dhamma Medini Center in Neuseeland sowie alle anderen Vipassana-Center laufen rein auf Spendenbasis. Man spendet am Ende der zehn Tage und auch nur dann, wenn man erfolgreich die zehn Tage absolviert hat. Die Spende soll einem weiteren Menschen die gleiche Erfahrung ermöglichen 💰

 

Wir beginnen in den ersten 3 Tagen mit der Beobachtung des Atems. Dieser wird nicht kontrolliert, sondern man beobachtet die Empfindungen durch das Atmen rund um die Nase (innen und außen) 👃 sowie auf dem kleinen Stück oberhalb der Oberlippe 👄 Ab Tag 4 müssen wir für eine Stunde am Stück stillsitzen. Kein Öffnen der Hände, Arme, Beine oder Augen. Wir scannen von nun an nicht nur den Bereich um die Nase, sondern unseren gesamten Körper (ca. 5 cm² nacheinander von oben nach unten) auf jegliche Art von Empfindungen🧍🏼‍♀️

 

Ein wenig mehr zur Vipassana Technik:

Vipassana wurde von Gotama, dem Buddha, vor über 2500 Jahren in Indien wiederentdeckt und als ein universelles Heilmittel für jeden gegen universelle Krankheiten und als eine Kunst zu leben gelehrt 🇮🇳

Es bedeutet die Realität zu erkennen, wie sie wirklich ist: die wirkliche Wahrheit. Der Fokus liegt auf der tiefen Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist. Man erkennt, dass alles im stetigen Wandel ist: der eigene Körper, die Umwelt, die Gedanken 💭 Diese immer wiederkehrende Änderung ist spürbar im Körper. Alles ist vergänglich. Man soll lernen, sich nicht mehr nach Gefühlen zu verzehren und an ihnen festzuhalten oder negative Zustände und Gefühle abzulehnen. Dies ist die Kontrolle der Reaktionen auf bestimmte Gefühle, die Entwicklung von Gleichmut 😌

 

Die zehntägige stille Meditation wird auch als eine Operation an der Seele bezeichnet. Es kommen wahnsinnig viele Dinge in mir hoch. Vielen der Teilnehmer laufen oft die Tränen runter, Männern wie Frauen und das nicht nur wegen physischer, sondern auch psychischer Schmerzen 😢 Kindheitserinnerungen, aktuelle Probleme oder Zukunftsängste sind an der Tagesordnung. Das Vipassana ist alles, nur kein Retreat oder eine Auszeit vom Alltag. Es ist harte Arbeit! Mich plagen die extremen Kopfschmerzen, die ich sonst sehr selten habe. Mir wurde erklärt, dass neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen, die alte Verhaltensmuster neu wiederaufbauen 💆🏼‍♀️ Meine Sinne fühlen sich zudem extrem geschärft an: Riechen, Schmecken, Hören, Fühlen, einfach alles ist sensibilisiert.

 

Am letzten Tag werden wir auf den Alltag draußen vorbereitet. Um einen leichten Einstieg in die laute Außenwelt zu haben, schweigen wir nur noch bis 15 Uhr. Man spürt schon die Unruhe auf dem Gelände, endlich wieder reden zu können. Pünktlich 15 Uhr ertönen schon die ersten Gelächter und der Zauber der Stille ist vorüber 🧏🏼‍♀️ so ändern sich auch die vorschnellen Urteile, die ich mir während der 10 Tage über andere gebildet habe, meist zum Positiven! Ich habe mit wildfremden Menschen 10 Tage dicht an dicht gelebt und nun höre ich viele das erste mal sprechen 🗣 Viele der Teilnehmer würden den Kurs nicht noch mal machen. Ich, persönlich, kann es mir allerdings schon nächstes Jahr wieder vorstellen 🙋🏼‍♀️

Ich habe gelernt allein zu sein, in Stille und dass dies einfach wunderschön sein kann! 🧘🏼‍♀️

Mit Goenkas abschließenden Worten nach jeder Meditation: Mögen alle Wesen frei von Aversion und glücklich sein. Möge überall Frieden und Harmonie herrschen.

2 replies
  1. Noni
    Noni says:

    Das muss ein tolles Erlebnis gewesen sein!
    Ich praktiziere so etwas Ähnliches ja auch täglich :-)

    Da ich ja alleine lebe und seit 10 Jahren im Home-Office arbeite, herrscht bei mir stetiges Schweigen… kurz mal unterbrochen durch Selbstgespräche ;-)

    Das Allein- und Stillsein fällt nicht jedem leicht. Ich persönlich empfinde es nicht als Einsamkeit, sondern eher als inneren Frieden und Ruhe.

    Ich finde es toll, dass Du, liebe Jessy, diese Erfahrung gemacht hast.
    Ich hoffe, dass Du Dich noch lange daran erinnern wirst und Dir zwischendurch mal die Zeit nimmst alleine zu sein.

    Freue mich trotzdem darauf Euch bald mal wiedersehen zu können… after Corona.

    Reply
    • Jessy
      Jessy says:

      Danke dir Noni! Du sagst es, das Alleinesein fällt nicht jedem leicht, grade in unserer lauten und sich immer wandelnden Umgebung. Aber sich diese Zeit bewusst zu nehmen und den Frieden in sich zu finden, auch wenn es nur 10 Minuten am Tag sind, hat eine enorme Wirkung auf die restlichen Stunden des Tages :)

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